Das Engadin will keine Reisemobile

Wer das Engadin im Speziellen und das Bündner Land im Allgemeinen bereist, dem fallen die unzähligen Schilder auf, die das Campieren auf ganzem Gemeindegebiet verbieten. Woher kommt das?

Familie Kummdopf macht Urlaub im Reisemobil. Wenn sie ein schönes Plätzchen finden, stellen Sie ihren Camper so hin, dass sie genügend Platz für Tisch und Stühle haben. Notfalls trampeln sie ein Gebüsch weg. In härteren Fällen holt Papa Kummdopf auch mal die Säge hervor und entfernt störendes Geäst vom nahestehenden Baum.

Nach getaner Arbeit genehmigt sich der Papa ein Bier, die leere Flasche schmeisst er auf den Felsen im rauschenden Fluss gleich neben dem Platz. Glas zersetzt sich ja mit den Jahren durch die Strömung. Und der Abfallsack ist ohnehin auf der anderen Seite des Fahrzeuges. Abfalltrennung lohnt sich nicht für die kurze Zeit im Urlaub.

“Papa, der WC-Tank ist beinahe voll” ruft die Tochter aus dem Fahrzeuginnern. Mist, den hab’ ich vergessen, murmelt Herr Kummdopf vor sich hin. Nach dem Eindunkeln packt er die Toilettenkassette, schleppt sie zum Fluss und leert den Inhalt in die Strömung. Ist eh fast alles natürliches Zeug, das Papier zersetzt sich und das bisschen Chemie ist ja nichts verglichen mit dem, was die Pharmakonzerne vermutlich in den Rhein lassen. “Wenn ich schon dran bin, kann ich hier auch noch das Grauwasser ablassen. Hat zwar keinen Abfluss, aber das Wasser versickert hier ja ganz gut. Das bisschen Zahnpasta und Seife kann ja nicht so schlimm sein.” Während Herr Kummdopf vor sich hinmurmelt, öffnet er den Hahn des Abwassertanks, die Flüssigkeit versickert tatsächlich rasch. Nach ein paar Minuten ist nur noch ein schaumiger Fleck erkennbar.

Am nächsten Morgen verlassen die Kummdopfs den Platz und reisen weiter. Den Abfallsack hat der Papa liegen lassen. Die Leute vom Werkhof machen doch ohnehin regelmässig sauber. Und ist ja alles schön im Sack verpackt. Ausser die Reste vom Essen, die liegen da, wo vorher der Tisch stand. Aber das fressen sicher bald die Tiere weg. Dass eben diese Tiere auch den Abfallsack zerreissen und seinen Inhalt im Umkreis von fünfzig Meter verteilen, bekommt Herr Kummdopf nicht mehr mit.

Deshalb stehen im Engadin vermutlich solche Schilder.

Familie Leiserust macht Urlaub im Reisemobil. Eigentlich sind sie nur noch zu zweit, die Kinder sind längst ausgeflogen und mit ihren eigenen Familien unterwegs. Aber Herr und Frau Leiserust geniessen es immer noch, mit ihrem Camper die Welt zu erkunden und schöne Plätze zu finden. Wenn es ihnen irgendwo gefällt, stellen Sie ihr Fahrzeug auf einen Parkplatz oder noch besser einen eigens für Reisemobile reservierter Stellplatz. Das darf gerne auch eine Kleinigkeit kosten.

Zu Fuss spazieren Sie dann in der Gegend umher, unternehmen Wanderungen, nehmen irgendwo in einem Restaurant ein Mittagessen zu sich. Abends machen Sie sich im Reisemobil frisch und spazieren in den nahegelegenen Ort. Seit sie nur noch zu zweit reisen, essen sie fast ausschliesslich auswärts. Und meistens gediegen, schliesslich wollen Sie ihre Rentnerzeit bewusst geniessen.

Vor dem Dinner kann es sich Frau Leiserust meistens nicht verkneifen, noch ein bisschen shoppen zu gehen. Herrn Leiserust ist das egal, er darf sich dafür abends den teureren Wein auswählen. Herr und Frau Leiserust finden es wertvoll, dass sie mit ihrem Reisemobil in Dorf- oder Stadtnähe parkieren und später übernachten können. Denn am nächsten Morgen geht’s gerne früh weiter. Alle paar Tage fahren sie einen Stellplatz mit Ver- und Entsorgungsstation an, damit Sie ihr Abwasser und den WC-Tank korrekt entleeren, sowie Frischwasser aufnehmen können.

Nur auf Campingplätze wollen Leiserusts nicht gehen. Denn die verlangen Geld für eine Infrastruktur, die Leiserusts gar nicht brauchen. WC und Dusche haben sie im Reisemobil. Ausserdem reisen sie häufig erst abends an und verschwinden morgens wieder. Alles, was sie brauchen, sind ein paar Quadratmeter, auf die sie ihr Reisemobil stellen können, während sie im nahegelegenen Ort Geld ausgeben und danach die Nacht verbringen. Am nächsten Morgen gibt’s keinen Hinweis, dass da eben noch ein Reisemobil stand.

Leider darf auch Familie Leiserust nicht mehr ins Engadin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.